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lied zur nacht

jetzt ist der sommer wohl auch wieder vorbei. dabei hat er gar nicht richtig angefangen. oder war er jemals da? wer weiß, wer weiß.

es sind mal wieder ferien. semesterferien. eine anscheinend endlos lange zeit, die man doch so nützlich wie möglich nutzen sollte. das einzige, was dabei rumkommt, ist, wie ich die nacht zum tage mache. halb sechs morgens ist es gleich. und in vier stunden geht mein wecker. damit ich nicht den ganzen tag verschlafe. ein tag, den es wieder mal gilt, einfach nur zu überleben.
unser haus ist momentan voll. schon seit wochen. mein bruder samt familie wohnen momentan bei uns. heisst: ein hund mehr, ein 7 monate altes baby und ein ehepaar mehr. ruhe hat man auf einmal nicht mehr und auf einmal wird freizeit zur arbeit. und dann dieses ekelhafte, stürmisch verregnete herbstwetter. ideale bedingungen also, um nachts wach zu bleiben und die dann herrschende ruhe zu genießen. und ideal um sich gedanken zu machen:

opa ist bald tot, und meine oma möchte es ihm am liebsten gleich tun. und man kann nichts dagegen machen, außer zuzusehen, wie ein teil der familie langsam vor sich hin vegetiert. und es tut weh es mit an zu sehen. und noch mehr tut es weh zu wissen, dass man ihn nicht aufhalten kann, den lauf der lebens. besser gesagt, den lauf des ablebens. dass man irgendwann in derselben situation sein wird, daran denkt man gar nicht.
er erzählte mir einmal die geschichte, wie meine großmutter und er sich kennenlernten, kurz vor dem krieg. sie, eine halbjüdin und auf der flucht vor dem kz, er ein später in russischer gefangenschaft gehaltener soldat. dazwischen: mehr als tausend kilometer. liebe ist das letzte, was damals gestorben wäre, sagte er mir mit leiser, tief atmender stimme. eher wäre einer von ihnen gestorben, entweder im lager oder in gefangenschaft. und dann diese ungewissheit, was mit dem anderen grade ist. ist sie in sicherheit? oder er noch am leben?
verständlich, dass es mehr als nur zusammenschweißt, wenn es nach jahren heißt, der krieg ist aus, ich komme nach hause. und das leben danach fängt nocheinmal von vorne an.

ich möchte nicht wissen, was meine großmutter im moment fühlt, die person zu verlieren, mit der man den krieg und die jahre danach überlebt hat. wahrscheinlich geht es noch vielen alten ehepaaren so. mein großvater sagte mir auch, dass er es nicht aushalte zu wissen, dass meine großmutter bald alleine dastehen wird. und dass ich mich um sie kümmern und sie aufmuntern soll. es war das letzte, was er mir sagte, danach bin ich ihn nicht mehr besuchen gegangen.
nicht, weil ich keine lust habe, vielmehr, weil es einefach einen mitnimmt, zu sehen wie ein leben - und eine liebe - so schmerzhaft und gebeugt zu ende gehen.

als ich heute im wald unterwegs war, dachte ich darüber nach, wie seicht das leben mancher leute ist. meins mit inbegriffen. eine liebe, die den krieg überlebt und nun bald vom tod beendet wird, soetwas tiefsinniges wird es wohl nicht mehr geben. zum glück, denn keiner wünscht sich einen krieg. aber würden wir nicht die liebe mit anderen augen sehen, wenn wir um unseren partner bangen und nicht wissen, was mit ihm ist? wenn es um leben und tod geht? und keine möglichkeit da ist, um weg zu gehen und sich der welt zu entziehen?
ich versuchte mir vorzustellen, wie das ist, wenn man im sterbebett liegt und an die eine person denkt, die einen mehr als sein halbes leben lang begleitet hat. es muss wohl wie eine art alptraum sein. ein alptraum, in dem man andere um dich weinen sieht. und man kann nichts dagegen tun. bis es irgendwann dunkel und der sarg über dir geschlossen wird.

2.10.08 05:56, kommentieren



nerven und ihr raues dasein

hab heute seit langem wieder sterne sehen können. und immer, wenn man sie sieht, freut man sich umso mehr und man sieht immer wieder, wie schön soviele sterne auf einmal sein können.
so viele. und so weit. wohin man schaut, sterne.

ich saß auf dieser holzbank. mitten auf dem land. vor mir, am horizont irgendeine stadt auf einem berg. um mich herum viele bäume. und kühe. denn es muhte immer wieder. still und heimlich. dieser ort, an dem ich mich befand, er ist mehr als nur irgendein ort auf dem land. und diese bank, sie ist mehr als nur eine bank.

hier wohnt sie. nicht weit von der bank weg. wir lieben uns. und wissen es nur noch nicht richtig. und dass ich da bin, das weiß sie auch nicht. was auch gut so ist. zuhause ist sie ebenfalls nicht. ebenfalls gut ist, dass sie grade nicht zuhause ist, in dem haus, an dem ich vor einigen minuten vorbei fuhr.
wenn sie nur wüsste.
wir wollten uns schon einmal die sterne anschauen. gemeinsam. am liebsten am meer. das meer kann warten. aber jetzt sitze ich da und warte selber. vergeblich. denn eigentlich dürfte ich nicht da sein und fasziniert von diesem anblick einer stadt in der ferne, nachts und den vielen, vielen sternen sein. und diese ruhe, als stadtmensch scheint sie einem fast surreal. aber ebenso wunderbar.

fast verliere ich mich für einen moment und schaue mich dann doch ein wenig um. aber weit und breit nichts. sie sagte mir oft, wie schön ist bei ihr ist. und sie hatte recht.
als nachtmensch lernt man dinge auch dann schön zu finden, wenn sie dunkel sind. dunkelheit bietet eine paradoxe geborgenheit. und ebenso fühlt man sich ein wenig verloren.
warum rettet sie mich nicht? weil sie nicht wissen darf, dass ich hier bin. aber es reicht mir fast. nun kann ich sterben und kann sagen, ich war einmal bei ihr.

an sterben denke ich natürlich noch nicht. an sie schon. und was macht sie? alles was macht, ist wunderbar sein. auf ihre eigene art und weise. keine traumfrau in dem sinne. oder doch? so oft war sie in meinen träumen schon präsent. und wenn ich meine tagträume habe, kommt sie ebenfalls oft in ihnen vor. fast schon automatisch ohne es konkret zu wollen. sie taucht einfach auf. also doch eine traumfrau. und eine traumhafte atmosphäre in diesem moment. ein moment, der bitte nicht zuende gehen soll, wäre sie hier.

1 Kommentar 10.10.08 04:33, kommentieren